Aloys Schulte

Der deutsche Staat

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden

Aloys Schulte (* 2. August 1857 in Münster; † 14. Februar 1941 in Bonn) war ein deutscher Historiker und Archivar.

Der Sohn einer Münsteraner Kaufmannsfamilie besuchte bis 1876 das Gymnasium Paulinum in seiner Heimatstadt
und studierte daraufhin an der Königlichen Akademie Münster Geschichte (u. a. bei Theodor Lindner und Paul Scheffer-Boichorst) und Philologie.
Schulte wurde in Münster aktives Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.St.V. Germania im KV. 1879 wurde Schulte über
„Die sogenannte Chronik des Heinrich von Rebdorf“ zum Dr. phil. promoviert. Daraufhin arbeitete er in Straßburg an der Herausgabe eines Urkundenbuchs,
wobei er sich mit dem führenden Erlanger Historiker und Straßburg-Forscher Karl Hegel – dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Editionsprojekt der
Chroniken der deutschen Städte er eine Zeit lang war – austauschte[1], leistete dort seinen Wehrdienst ab und ließ sich bis 1883 zum Gymnasiallehrer ausbilden.
Im gleichen Jahr wurde er Direktor des Fürstenbergischen Archivs in Donaueschingen, wo er mehrere Bände des Fürstenbergischen Urkundenbuches bearbeitete.
In Donaueschingen heiratete er 1885 Oda Buck, die Tochter des Mundartdichters Michel Buck.
1885 wechselte Schulte als Großherzoglich Badischer Archivrat an das Generallandesarchiv Karlsruhe und wurde Redakteur der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins.
1892 wurde er auf einen Lehrstuhl für neuere Geschichte der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg berufen,
stieß jedoch als Katholik auf erheblichen Widerstand in der Fakultät und nahm 1895 einen Ruf der Universität Breslau an,
wo er von 1896 bis 1903 als ordentlicher Professor wirkte. 1901‒1903 leitete er zugleich das Königlich Preußische Historische Institut in Rom,
bevor er 1903 an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn wechselte, wo er 1928 emeritiert wurde. 1913/14 amtierte er als Rektor der Universität.
Schulte wurde auf dem Kessenicher Bergfriedhof beigesetzt.
Schulte gilt aufgrund seiner auf reiche Quellenarbeit gestützten Monographien über die Geschichte des mittelalterlichen Handels zwischen Deutschland und Italien,
über die Fugger in Rom und die Große Ravensburger Handelsgesellschaft als ein Pionier der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war die deutsche Verfassungsgeschichte. So erschien 1910 von ihm eine zentrale Arbeit über Adel und deutsche Kirche im hohen Mittelalter.
1932 fasste Schulte nach eigner Aussage seine „wissenschaftliche Lebensarbeit“ in der voluminösen Gesamtdarstellung Der Deutsche Staat zusammen,
das den Zeitraum von der Königswahl Heinrichs I. 919 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 umfasst.
Ungeachtet des statischen Aufbaus des ganz auf die politische Geschichte fixierten Buchs demonstrierte Schulte hierin methodisches Verständnis,
indem er die strukturelle Entwicklung (die „Dynamik der Geschichte unseres Staates“) der deutschen Verfassungsgeschichte über die Jahrhunderte verfolgte.
Wenngleich eindeutig deutschnational in der Tendenz, enthielt er sich einer völkischen Argumentation,
wie sie im Stil der Zeit jüngere „Grenzkampfforscher“ wie etwa Paul Wentzcke anklingen ließen.
Im Nachwort seines 1933 veröffentlichten Buchs sprach Schulte zwar eine kurze Belobigung des nationalsozialistischen Regimes aus, das die „Liebe zum Vaterland gesteigert“ habe.
Auf eine innere Parteinahme ist daraus allerdings kaum zu schließen.
Schultes große Synthese steht gleichwohl stellvertretend für sein ungebrochenes nationales Ethos und seine Prägung im Zeichen des deutsch-französischen
Konflikts von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert.
Bereits 1892 hatte er die Tagebücher des badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm (des „Türkenlouis“) herausgegeben und mit einer
Darstellung des Pfälzischen Erbfolgekriegs aus deutsch-nationaler Sicht verbunden.
Im Ersten Weltkrieg befürwortete er annexionistische Ziele der deutschen Reichsregierung (etwa gegenüber Belgien),
um sich in seinem Buch Frankreich und das linke Rheinufer 1918 gegen Annexionsbestrebungen Frankreichs zu wenden – einem klassischen Erzeugnis der „Rheinkampf-Literatur“ von deutscher Seite.
Auch Der Deutsche Staat, der mit einer Apologie der Reichsregierung und der Generalität vor und im Ersten Weltkrieg schließt,
ist von der Argumentation geprägt, Deutschland sei über die Jahrhunderte von feindlichen Großmächten umzingelt gewesen und an der Entfaltung seiner Nationalstaatlichkeit gehindert worden.
Eine prägende wissenschaftspolitische Rolle in der Spätzeit der Weimarer Republik dürfte Schulte angesichts seines gehobenen
Lebensalters und seines Ausscheidens aus dem Lehrbetrieb kaum gespielt haben.
Immerhin trat er im Kontext der „Rheinischen Jahrtausendfeier“ von 1925 noch einmal hervor,
ebenso bei der Konzeptionierung der unverkennbar volkstumsideologisch ausgerichteten Kulturraumforschung in den 1920er Jahren.
Zu seinen Schülern zählte der Mediävist und Domkapitelforscher Leo Santifaller.